Frauen in der (Wirtschafts-)Krise

Unser kapitalistisches Gesellschaftssystem baut auf einer massiven Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern auf. Die Finanzkrise hat diese ungerechten Strukturen in bestimmter Hinsicht verstärkt:
Deutschland hat in den vergangenen zwei Jahren die größte Krise des Kapitalismus seit 1929 erlebt. Durch eine seit den 1970er Jahren in fast allen Industrieländern praktizierte, neoliberale Politik, fand eine Umverteilung von Einkommen und Vermögen zu Gunsten der Unternehmen und der Vermögenden statt. Gleichzeitig wurden die Sozialsysteme massiv beschnitten und die Lebensarbeitszeit wurde verlängert.
Durch die Anhäufung der Geldvermögen und die gleichzeitige Deregulierung der Finanzmärkte blähte sich eine riesige Finanzblase auf, die Ende 2008 geplatzt ist. Während der anschließenden Banken- und Unternehmensrettungen hat der Staat die Schulden dieser Krise übernommen. Deutschland versucht das Ziel zu erreichen, seine aggressive Exportindustrie und seinen Bankensektor weiterhin durch diese Weltwirtschaftskrise zu bringen – und zwar auf Kosten der Bevölkerung in Deutschland als auch der Bevölkerungen in anderen importierenden und sich verschuldenden Staaten.
Deshalb beginnt jetzt das große Kürzen in den staatlichen Haushalten. Wenn der Staat spart, macht er das in erster Linie über Stellenkürzungen im sozialen und kulturellen Bereich. Der Staat zieht sich aus diesem Sektor zurück und verlangt stillschweigend von uns Frauen, diese Arbeit unentgeltlich zu leisten und zusätzlich ehrenamtlich, die Defizite im kulturellen und öffentlichen Leben der Gemeinden auszugleichen.
Im vergangenen Jahr frohlockte die Presse mit welcher Bravour Deutschland die Finanzkrise überwunden hätte. Aber seit der Einführung der HartzIV-Gesetzgebung hat eine massive „Prekarisierung“ der Arbeit stattgefunden. Das bedeutet: Immer mehr Leute – und hier überdurchschnittlich viele Frauen – müssen von Minijobs, Teilzeitstellen, Saison- und Leiharbeit leben. Sozialversicherungspflichtige und unbefristete Vollzeitstellen haben im Vergleich zu den 60er Jahren massiv abgenommen.
Dies wird sich auch durch die staatlichen Kriseninterventionen nicht ändern. Im Gegenteil: Betrachtet man, welche Branchen gestützt werden, fällt auf, dass dort anteilig wenige Frauen beschäftigt sind (z.B. Baugewerbe, Fahrzeug- und Maschinenbau/Metallproduktion). Ein Beispiel hierfür ist die umwelt- und wirtschaftspolitisch unsinnige “Abwrackprämie“.
Im Gegensatz dazu stehen die gesellschaftlich wichtigen Bereiche wie Pflege, Erziehung und Betreuung, in denen überwiegend Frauen beschäftigt sind, unter dem massiven Kürzungsdiktat. Das bedrängt Frauen doppelt: Mit den Sparpaketen trifft es vor allem den öffentlichen Sektor (52% Frauen). In dieser Branche wurden seit 1992 über 2 Mio. Arbeitsstellen abgebaut und eine massive Zunahme an Teilzeitstellen beobachtet. Zum anderen ist klar, dass der rechtliche Anspruch auf einen kostenlosen vorschulischen Betreuungsplatz für alle Kinder ein Lippenbekenntnis bleibt. Da Frauen nach wie vor hauptsächlich die Familienarbeit schultern, sind aber vor allem sie auf ein gutes Betreuungssystem angewiesen!
Wir hier in Tübingen erleben mit dem kommunalen Kürzungspaket ganz konkret die Folgen für Kindertagesstätten: einige sind von Schließung bedroht – Arbeitsbedingungen für Erzieherinnen werden verschlechtert – Stellen eingespart. Mit der zusätzlichen Lohndiskriminierung von Frauen bei gleichzeitigem Mangel an Kinderbetreuung wird in vielen Partnerschaften schnell wieder auf das konservative, ungleiche Rollenmodell zurückgegriffen, dass ja auch noch steuerlich gefördert wird (Stichwort Ehegattensplitting). Ganz zu schweigen von den Entgeltunterschieden von 23% (in BaWü bekommen Frauen im Durchschnitt 28,5% weniger). Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich die Politik nach wie vor auf die Industrie und auf das Leitbild des »männlichen Ernährers« konzentriert.
Anlässlich des 100. Internationalen Frauentags gilt daher ganz aktuell die Forderung:
Wir Frauen wollen nicht für Eure Krise zahlen!
Für gute und gleiche Löhne und Arbeitsbedingungen!
Für den Ausbau des Bildungs- und Betreuungssystems!
Für den Ausbau der sozialen und kulturellen Daseinsvorsorge!

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